Morgen geht es nachts nach Trento zur EASST 010 (European Association for the Study of Science and Technology). Dort halte ich zwei Vorträge, einen allein im Track 2 “Design, Performativity, STS” und einen zusammen mit Nicholas J. Rowland (Penn State). Die Präsentation zum ersten Vortrag stelle ich hier schon ein.
Tate Britain
Über das Anthem-Blog kam gerade der Hinweis auf ein Event im Tate Britain.
Beyond the AcademyResearch as ExhibitionFriday 14 May 2010, 10.00–17.30The exhibition is increasingly being reframed as a research output, but what can new forms of research and collaboration bring to the concept and curatorship of the exhibition? Is the idea of the exhibition being distorted or creatively extended by new disciplinary practices and knowledge? In what ways do new forms of research exhibitions create new types of knowledge and experience for the audience?Confirmed speakers include Dr Gail Lambourne, Professor Bruno Latour, Dr Angus Carlyle, Irene Revell, John Byrne, Alistair Hudson, Dr Ken Neil, Dr. Leslie Topp, Professor Felix Driver, Professor David Cotterrell, Professor Oriana Baddeley, Dr Noortje Marres, Kate Southworth, Dr. Susan Pui San Lok, Dr Brian Dillon, Professor David Solkin and Professor Antonia Payne.
Marx, die Finanzkrise und David Harvey
Der New York Observer (ja, ich gebe zu, ich lese mehr “New York Media” seit ich vor zwei Wochen dort war) hat ein tolles David Harvey Feature. David Harvey ist Professor an der CUNY und Direktor des Center for Place, Culture and Politics. Sein “Close Reading of Karl Marx Capital, Volume 1″ ist wirklich zu empfehlen.
Der animierte Film zu seiner RSA Rede “Crisis of Capitalism” ist zwar 11 Minuten lang, aber er ist so unglaublich gut, man wünschte sich, akademische Debatten wären immer gezeichnet. So ähnlich wie die GED Lectures mit Latour und Sloterdijk…
Glasperlen, Fischernetze und Erstaunensgeneratoren
Ich war in den letzten zwei Wochen viel unterwegs und entsprechend eingespannt. Ein Blog zu pflegen, ist da noch möglich, eine echte inhaltliche Weiterführung des Theorieverwendungs-Gedankens in schriftlicher Form eher nicht. Dennoch erlaubt das Herumreisen Überlegungen.
Mit Dank an den fragenden Christian zuerst ein Antwortversuch: Mir geht es gerade nicht darum, einzelne Autoren als rigide Architekten oder als flexible Bastler einzuordnen. Beide, Bourdieu und Luhmann, haben viel komplexere Ansätze, die eine solche einfache Einordnung verbieten. Bourdieu etwa hat das Habituskonzept – gerade auch in der Analyse des Bildungssystems und der akademischen Welt – an ein recht rigides Macht- und Klassenverständnis geknüpft und so seine Heuristik viel stabiler gemacht als nötig; Luhmanns Analyse der Ausdifferenzierung der Funktionssysteme oder die Arbeiten zum Wandel semantischer Formen im Nachgang der Katastrophe funktionaler Differenzierung hingegen sind zwar durch ein stabiles Vergleichsvokabular geordnet, ansonsten aber empirisch extrem offen.
Mir ging es eher um einen anderen Punkt: gerade diese beiden Autoren sind ein hervorragendes Beispiel genau dafür, dass sich die Arbeit an einer theoretischen Position gar nicht sinnvoll in rigide und flexible Vorgehensweisen einordnen lassen. Vermutlich ist diese feste Zuordnung eher ein Modus der Darstellung, Auseinandersetzung und Kritik. Will ich etwa Garfinkel kritisieren, dann sage ich: der hat ja gar kein Begriffsgebäude. Will ich Parsons kritisieren, kann ich sagen: was für ein hübsch polierter Setzkasten. Beides greift nicht wirklich. Theoriearbeit aber scheint mir dann besonders fruchtbar zu sein, wenn sie zu Heuristiken führt, manchmal auch zu Begriffen und Vokabularen, die Erstaunen generieren können, indem sie konstant dafür sorgen, dass man im empirischen Material nicht Bekanntes, sondern Fremdes entdeckt. Luhmann und Bourdieu waren darin gut, beide waren sich der Tatsache sehr bewusst, dass Theorien auch mal radikal umgebaut werden müssen, um das zu leisten – man denke an Luhmanns autopoietische Wende oder an Bourdieus Abkehr vom Strukturalismus.
Nimmt man die Idee von der Theorie als Erstaunensgenerator noch ernster, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass man in dem Moment skeptisch werden muss, wenn Theorien zu stabil werden. Sie verlieren dann nämlich ihre Fähigkeit, Bekanntes fremd aussehen zu lassen und sie neigen dann dazu (vgl. dazu Peter Wagners “A History and Theory of the Social Sciences”, Sage 2001) eine Gesellschaft mit zu produzieren, die sie verfremdend zu beschreiben suchten.
Zwei oder drei Arten, Theorie zu nutzen
There are two ways of conceiving and using social theory: one is a scholastic mode in which we ‘split, polish and clean concepts’, to paraphrase C. Wright Mills’s (1958) critique of Talcott Parsons in The Sociological Imagination, that is, produce theoretical categories as an end in themselves, for ritual display and worship. The other is a generative mode, wherein we develop theory to put it to use in empirical research and to prove and expand its heuristic capacity in systematic confrontation with sociohistorical reality.
Die beiden Theorieverständnisse, die Wacquant hier anführt, scheinen mir tatsächlich die häufig vorzufindenden zu sein – ich frage mich aber seit längerer Zeit schon, ob es nicht neben beiden auch noch ein drittes gibt. Das Glasperlenspiel und das Fischernetz als zwei Varianten der Theoriearbeit beruhen beide auf dem Prinzip der Bewährung: an der internen Kohärenz oder an der externen sozialen Realität. Wenn man aber die Performativität und Reflexivität soziologischen Wissens erst nimmt und mit Wagner, Callon und Luhmann das Arbeiten an der Theorie als (Mit-)Arbeiten an sozialer Realität begreift, dann greifen beide Verständnisse fehl. Vielleicht macht es Sinn, Theoriearbeit als Arbeit an kohärenten Heuristiken zu begreifen, die dazu geeignet sind, in der empirischen Arbeit Fremdheit zu produzieren: Theorie als Erstaunensgenerator – das wäre dann Theoriearbeit in einer ethnographischen Haltung.
Erschienen: Die Infrastruktur der Blogosphäre.
In diesem Monat (als Print eigentlich schon im April) ist mein Papier zur Interobjektivität der Medien erschienen.Es ist der erste empirische Versuch, mit einer auf der ANT aufbauenden Perspektive Medientechniken zu beschreiben. Eine erweiterte (und um eine strengere theoretische Einbettung bemühte) Version ist in englischer Sprache im Review, nachdem ich sie letzten Herbst auf der 4s in Washington präsentiert habe.
Das, was wir heute „Social Software“ nennen, ist undenkbar ohne eine Technologie, mit der Inhalte von Rechner zu Rechner, von Server zu Server gebracht werden können, ohne immer gleich den ganzen Ballast der Informationen über ihre Darstellung mitzuschleppen. Eine der bekanntesten Anwendungen für diese Technologie der so genannten Syndikation sind sicherlich Weblogs. Vor allem auch der Umstand, dass zum Schreiben eines Blogeintrages eben gerade keine Kenntnisse darüber nötig sind, wie genau die jeweilige Blog-Plattform mit den Inhalten umgeht, um sie darzustellen, aber auch um sie mit anderen Weblogs zu verknüpfen, hat Blogs ihre Popularität beschert. Dennoch ist es gerade diese Infrastruktur, diese standardisierte Interobjektivitätsform, die es überhaupt ermöglicht, dass sich Blogschreiber auf das reibungslose Mitspielen ihrer Plattformen verlassen können. Weil ihnen Rechner das Aufbereiten, das Propagieren, das Verbreiten, das Verknüpfen und in Beziehung setzen ihrer Beiträge mit ganz anderen Beiträgen und auch mit ganz anderen Plattformen abnehmen, ist die Blogosphäre heute jenes verwobene Netz, dem wir es zutrauen, sogar für die Zukunft des Journalismus verantwortlich zu sein.
Was aber genau jeder einzelne Mitspieler im Geflecht der Weblogs und Syndikationsflüsse machen darf und kann, welche Rolle Nutzer einnehmen kön- nen und welche Aufgaben ihnen abgenommen werden, ist auch heute noch nicht wirklich entschieden. Noch ist diese medientechnische Infrastruktur nicht stabi- lisiert, zumindest drei unterschiedliche Ansätze liegen aktuell vor: RSS 1.0, RSS 2.0 und Atom. Die meisten Blog-Plattformen verstehen zwar inzwischen die unterschiedlichen Formate und Standards, aber eigentlich in einer Variante der kleinsten Gemeinsamkeiten. In die unterschiedlichen Projekte der Einrichtung neuer interobjektiver Interaktionsvermeidung jenseits der massenmedialen Bedingungen sind völlig verschiedene Strukturen der Arbeitsteilung zwischen Menschen und Software eingeschrieben. Welche neuen Formen der Informations- und Redundanzversorgung der modernen Gesellschaft mit der so gerade im Aufbau befindlichen medientechnischen Infrastruktur verbunden sein werden, hängt zu einem großen Teil von der Kontroverse über die Projekte ihrer Einrichtung ab.
Unfassbar: Kürzungsorgie an Hochschulen: Erbarmen, die Hessen sparen
Unfassbar, was da in Hessen passiert. Da wird im einzigen Feld, in dem Sparen nun wirklich überhaupt nicht angebracht ist, in der Bildung nämlich, gekürzt und dann einfach die Schuld für die Misere den Universitäten wieder zugeschoben: die sind nicht mutig und kreativ genug, über Einsparungen nachzudenken. Zugleich aber will mal exzellente Forschung (die Mittel der Initiative werden natürlich nicht angetastet), doppelte Jahrgänge, mehr Absolventen.
Hessens Ministerpräsident Roland Koch will bei der Bildung sparen. Was er für Deutschland fordert, vollstreckt bei ihm zu Hause bereits seine Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann. Ergebnis bislang: Eine Revolte, die Studenten und Professoren eint und die Ministerin die Flucht ergreifen lässt.
(…)
Der hochschulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Rafael Reißer, gab am Mittwochmorgen dann den Ton für die kommenden Tage vor: “Offensichtlich haben viele Hochschulpräsidenten nicht den Mut zur Verantwortung oder die Kreativität, mit den Senaten zusammen Einsparmöglichkeiten zu erörtern.” Nach einem Entgegenkommen in Richtung Studenten und Hochschulen durch die Politik klingt das nicht.
Tate Britain|Symposia|Beyond the Academy
Über das Anthem-Blog kam gerade der Hinweis auf ein Event im Tate Britain.
Beyond the AcademyResearch as ExhibitionFriday 14 May 2010, 10.00–17.30The exhibition is increasingly being reframed as a research output, but what can new forms of research and collaboration bring to the concept and curatorship of the exhibition? Is the idea of the exhibition being distorted or creatively extended by new disciplinary practices and knowledge? In what ways do new forms of research exhibitions create new types of knowledge and experience for the audience?Confirmed speakers include Dr Gail Lambourne, Professor Bruno Latour, Dr Angus Carlyle, Irene Revell, John Byrne, Alistair Hudson, Dr Ken Neil, Dr. Leslie Topp, Professor Felix Driver, Professor David Cotterrell, Professor Oriana Baddeley, Dr Noortje Marres, Kate Southworth, Dr. Susan Pui San Lok, Dr Brian Dillon, Professor David Solkin and Professor Antonia Payne.
Gefunden: Magazine Preview – The Data-Driven Life – NYTimes.com
This is how the odd habits of the ultrageek who tracks everything have come to seem almost normal. An elaborate setup is no longer necessary, because the phone already envelops us in a cloud of computing. This term, “the cloud,” has some specialized meanings among software architects, but fundamentally the cloud is just a poetic label for the global agglomeration of computer resources — the processors, hard drives, fiber-optic cables and so on — that allow us to access our private data from any Internet connection.
(…)
Self-tracking, in this way, is not really a tool of optimization but of discovery, and if tracking regimes that we would once have thought bizarre are becoming normal, one of the most interesting effects may be to make us re-evaluate what “normal” means.
Kommentar: Data-Mining: Wenn Daten zur Folter werden | ZEIT ONLINE
In der Zeit Online findet sich ein zusammentragender, wenn auch wenig pointierter Artikel zur Algorithmen-Debatte.
Algorithmen können helfen. Wie groß die Ursprungsmenge der Daten auch sein mag, Algorithmen schaffen Ordnung, wo mit bloßem Auge keine erkennbar ist. Sie sind lösungsorientiert. Sie finden den schnellsten Weg aus einem Labyrinth, die kürzeste Strecke zwischen zwei Orten oder durchsuchen eine Waschmaschine nach passenden Sockenpärchen. Einige hoffen sogar, dass sie Ordnungen finden, von der man vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt.
(…)
Gelegentlich aber wird der Algorithmus auch zu einem neuen Heilsversprechen. Wer sich die Appelle von Berners-Lee auf der TED-Konferenz zu dem Thema anschaut, kann darin durchaus Züge eines Fernseh-Gottesdienstes erkennen.
viaData-Mining: Wenn Daten zur Folter werden | Digital | ZEIT ONLINE.
Es wird langsam Zeit, dass Arbeiten entstehen, die sich damit beschäftigten “wie” und mit welchen “Mitteln” Algorithmen Ordnung schaffen. Sonst kauen wir, Schirrmacher hin, Rieger her, Brenners-Lee noch man hin, auch noch dann längst an der Frage herum, ob es gut oder schlecht ist, dass sie es tun, wenn ihre Ordnungsleistungen längst nicht mehr zu hintergehen sind. Aber vielleicht ist das ja schon heute.